Jenseits von links und rechts – Zu Besuch beim Piratenstammtisch

Jeden Freitag hat Nazzareno die Bude voll. Sein sardisches Ristorantino im Münchener Westend ist gefüllt mit Piraten, Mitgliedern der Partei, die unter dem Motto „Klarmachen zum Ändern“ mit zwei Prozent bei der Bundestagswahl einen vielbeachteten Wahlkampf beendeten. Als ein schwedischer Pirat ins Europaparlament einzog, wurde das Hinterzimmer im Bavaria um die Ecke zu eng, und seitdem genießen die politischen Seeräuber dort vergünstigte Pasta und kostenloses WLAN.

Zwei Wochen vor Weihnachten ist es ruhiger geworden. „Das ist das erste Mal, dass so stammtischmäßig alle am Tisch sind“, wundert sich Stephan. Er ist mit seiner Frau Rani hier. Sie übersetzt zurzeit den Wikipedia-Artikel über die Piraten auf Hindi, ihre Muttersprache. Beide sind aus der IT-Branche, 30 Jahre alt und seit August Mitglied, wie die meisten hier. „Ich habe in den anderen etablierten Parteien keine Alternative für mich gesehen.“ Als Stephan von den Piraten hörte, recherchierte er drei Tage, war begeistert von der Transparenz der Partei und trat ihr sofort bei.

So ein richtiges Arbeitstreffen sei das nicht, meint Franz Rauchfuss, Schatzmeister des Verbands Oberbayern. Das Meiste werde mittlerweile in Arbeitsgruppen erledigt. Die Berichte des Vorstands und der Arbeitsgruppen gehen auch schnell vorüber. Nebenher werden Emails am mitgebrachten Laptop oder Smartphone gelesen. Anfang 2010 soll es wieder einen Landesparteitag geben. Da der letzte in riesige Diskussionen ausartete, werden vorher Treffen zu kritischen Themen stattfinden.

Kurz vor Schluss ergreift Michael das Wort, über 40, einer der Ältesten hier. Er ist hier, um seine Parteikollegen auf ein neues Thema einzuschwören: GEZ. „Das ist ein Piratenthema!“ Er redet sich in Rage, dass hier einmal mehr ein „bestehendes Konzept zementiert“ werde und die Piraten dieses Thema besetzen müssen. Er spricht vom „Wähler“, der die GEZ nicht möge, womit die Piraten hier in einer „Win-Situation“ seien. Als Beleg für das öffentliche Interesse am Thema führt er „tausende Kommentare auf heise.de“ an: der Website eines Verlags für Computertechnik- und IT-Magazine. „Hände hoch, wer helfen möchte!“ Etwas zaghaft melden sich drei.

Der Vorschlag, Telefondebatten über aktuelle Themen zu organisieren, findet Zustimmung. „Um auch mal ins Gespräch zu kommen.“ Außerdem sei das produktiver als Emaillisten. Damit ist der offizielle Teil des Abends beendet und die nun gut 20 Anwesenden, überwiegend Männer in T-Shirts mit Piratenlogo, wenden sich wieder ihren Tischgenossen zu, während draußen die Raucherrunde eröffnet wird.

Vor der Tür steht Marcel, 32, seit August Pirat, Brettspielautor, Illustrator und Programmierer. Er wirkt wie ein meist gut gelaunter Mensch: breite, dunkle Brille, stets schmunzelnd, Haare im gepflegten Chaos. Er denkt, dass es nun an der Zeit ist, den „Grundkonsens“ zu finden: Irgendwo im breiten „Spannungsfeld“ zwischen dem „freien Individuum“ und der „Chancengleichheit“ soll dieser verortet sein. Das sei möglich, denn es müsse einen tieferen Grund geben, warum die Kernthemen der Piraten so viele, ehemals politisch verschieden beheimatete oder politikverdrossene Menschen ansprechen. Aber: „Wir müssen als Piraten da ran gehen, nicht als Ex-Grüne oder Ex-FDPler.“

Doch das ist in der drei Jahre jungen Partei nicht einfach. Marcel diskutiert mit Rani über die „Querdenker“ in der Partei, die es kultivieren, den Dissens zu suchen und ihre meist gewöhnungsbedürftige Meinung lautstark vertreten. Franz Rauchfuss sieht die Problematik gelassen: „Es gibt schon Menschen mit extremeren Ansichten, die auch eventuell nicht ganz so kompromissbereit sind. Ich denke, das hat jede Partei und das gehört dazu. Eine gesunde Organisation muss solche Leute verkraften können.“ Schließlich entscheide die Basis und da sei die gemäßigte, schweigende Mehrheit vertreten. „Ich habe die Hoffnung, dass wir pragmatische Ansätze fahren werden, dass wir nicht in diese alte links-rechts-Schiene geraten.“ Viele Ressourcen kostet auch der Aufbau der Parteistruktur: Die letzten Parteitage wurden von Satzungsänderungsanträgen dominiert. Klaus Müller, Vorsitzender des Landesverbands Bayern, erklärt sich das auch durch die Natur des in der Partei häufig vertretenen Computerfreaks: „Der Nerd an sich hat in seinem Bereich gern Ordnung.“ Da müsse alles stimmen.

Auch ohne Satzungsfindung hat die Partei viel zu tun. Mit dem Thema Bürgerrechte allein sei die Partei zu schmal aufgestellt, sagt ein Gast, der hier eigentlich nur mit einem Freund essen wollte. Gewählt habe er sie, aber seine Erststimme habe Guttenberg bekommen.

Und so will auch Klaus Müller, dass die Partei ein „modernes, progressives Weltbild noch breiter aufstellt auf die Themen, die da kommen werden.“ Dann bestünde die Möglichkeit, nächstes Mal die fünf Prozent zu erreichen. „Es kann aber auch sein, dass wir uns jetzt irgendwie komplett zerstreiten und in drei Jahren alle über diesen politischen Witz lachen.“

Mittlerweile trifft sich die Piratenpartei nicht mehr bei Nazzareno. Er hat sein Restaurant leider geschlossen.

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