Andere kämpfen weiter

Erst um acht Uhr abends erfährt Carmen Bruns, dass ihr Mann tot ist. Es ist Karfreitag. Sie ist mit ihrer zweijährigen Tochter bei Verwandten und war nicht zu Hause, als Militärpfarrer Bernd Göde und der stellvertretende Kommandeur des Bataillons 373 vor ihrer Tür standen. Mittags hatte Pfarrer Göde Bescheid bekommen, dass er sich auf den Weg machen muss. „Zwischen 15 und 16 Uhr kam die erste Meldung auf N24“, erinnert er sich. Auf der stundenlangen Fahrt zu den Verwandten klingelte ununterbrochen sein Handy. Besorgte Angehörige anderer Soldaten. Schon bald war der Akku leer. „Aber wir konnten nichts sagen.“ Erst nachdem die Nachricht persönlich überbracht ist, werden Namen genannt. Drei sind es kurz vor Ostern 2010: Nils Bruns, Martin Kadir Augustyniak und Robert Hartert. Sie starben im bis dahin schwersten Gefecht der Bundeswehr gegen die Taliban in Afghanistan.

Militärpfarrer wie Göde werden in Zukunft öfter vor einer Haustür stehen und behutsam fragen, ob sie eintreten dürfen. Riskante Auslandseinsätze werden für die Bundeswehr zum Normalfall werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière verkündete in seiner Regierungserklärung Ende Mai 2011: „In den nächsten sechs bis acht Jahren wird sich die Bundeswehr stärker verändern, als dies vielen heute vielleicht schon bewusst ist.“ Die Armee wird kleiner. Schickt aber mehr Soldaten in den Auslandseinsatz. Laut de Maizière sollen auf lange Sicht 10 000 „eskalations- und durchsetzungsfähige Kräfte“ für Einsätze in zwei großen und mehreren kleinen Gebieten dauerhaft zur Verfügung stehen.

Deutschland ist umzingelt von Freunden. Trotzdem soll die Truppe schlagkräftiger werden. Denn in der EU und der Nato wird Landesverteidigung zur kollektiven Sicherung. Die Allianzen haben Angst vor dem internationalen Terrorismus, der in zerfallenden und zerfallenen Staaten gedeiht. Deshalb wird Deutschland am Hindukusch verteidigt.

Von dort ist es für die Toten vom Karfreitag 2010 ein weiter Weg zurück zum Flughafen Köln-Wahn. Geplante Ankunft: Ostersonntag, 17.30 Uhr, im Regierungsairbus von Entwicklungs- minister Dirk Niebel. Während die Särge unterwegs sind, tritt der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg um 14.35 Uhr vor die Presse. Er muss der Öffentlichkeit erklären, dass in Situationen, die man „umgangssprachlich als Krieg bezeichnen mag“, deutsche Soldaten sterben können. „Andere kämpfen weiter“, sagt zu Guttenberg auf der offiziellen Trauerfeier und fordert: „Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie bekommen, was sie zur Erfüllung ihres so schwierigen Auftrages brauchen. Auch die notwendige Unterstützung und den Rückhalt unserer Gesellschaft.“

Doch die Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz fällt direkt nach dem Anschlag vom Karfreitag auf einen neuen Tiefstand. 62 Prozent der Deutschen sind jetzt laut Forsa-Umfrage für einen Abzug der Truppen. Christian Mölling von der Stiftung Wissenschaft und Politik kritisiert: „Die Bundeswehr ist hoch angesehen. Ihre Auslandseinsätze nicht. Politik und Medien haben sich in der Vergangenheit nicht bemüht, Sicherheitspolitik zu kommunizieren.“ 1994 urteilte das Bundesverfassungsgericht: Der Einsatz bewaffneter Streitkräfte im Rahmen eines Systems kollektiver Sicherheit, wie der Nato, ist verfassungsgemäß. „Viele haben damals gehofft, die Debatte sei damit beendet“, sagt Mölling.

Wenn Menschen sterben, wackelt der Rückhalt der Bevölkerung, egal wie gut die Politik es vermittelt. Darauf bauen laut Militärexperten auch die Guerilla-Taktiken der Taliban. Bislang haben westliche Staaten solche Kriege an der politischen Front in der Heimat meist verloren. Die Taliban müssen sich vor keinem Wahlkreis verantworten, sie haben Zeit und töten durch Hinterhalte und Anschläge solange einzelne Soldaten, bis die militärisch überlegenen Truppen nach Hause geholt werden.

Nils Bruns starb in einem solchen Hinterhalt durch eine Sprengfalle. Seine Mutter, Karola Rosendahl, kann den Tod des einzigen Sohnes nicht einfach so hinnehmen. Sie versucht zu rekonstruieren, wie er umgekommen ist. Schließlich erhebt sie schwere Vorwürfe und erstattet Anzeige gegen die Bundeswehr. „Bei den Gefechten am 02.04.2010 hat man die Einheit des Hauptfeldwebels Nils Bruns unter bewusster Versagung militärischer Hilfe verrecken lassen“, schreibt ihr Anwalt nach Informationen des Spiegels. Sie klagt an, dass bekannte Mängel in der Ausrüstung nie beseitigt wurden. Dass Hubschrauber fehlen, die ihrem Sohn hätten helfen können.

Dass nicht nur Hubschrauber fehlen, kann Mölling bestätigen: „Es wird bis heute noch bemängelt, dass die Ausrüstung teilweise schlecht ist.“ Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, schreibt in einem Bericht an die Regierung, alle großen Rüstungsprojekte seien zu teuer, kämen zu spät und befähigten die Streitkräfte nicht, ihre neuen Aufgaben im Ausland zu erfüllen.

Deren Notwendigkeit begründen Politiker häufig mit drei starken Worten: Sicherheit. Verantwortung. Solidarität. „Sicherheit für unser Land zu gewährleisten, bedeutet heute insbesondere, Auswirkungen von Krisen und Konflikten möglichst auf Distanz zu halten“, betonte de Maizière in seiner Regierungserklärung und argumentierte mit Blick auf die Wirtschaftskraft Deutschlands: „Wohlstand verpflichtet. Daraus erwachsen auch internationale Verantwortung und Solidarität.“ Es sollte selbstverständlich sein, dass Deutschland die Verantwortung übernehme. „Das ist mehr als bisher in Deutschland bekannt oder wohl auch akzeptiert ist.“

Ob man akzeptieren muss, dass Soldaten diese Verantwortung mit ihrem Leben bezahlen, möchte Militärpfarrer Göde nicht beurteilen: „Ich bin kein Politiker. Ich bin Seelsorger. Die Soldaten sind Teil der Gemeinde. Ich stehe ihnen bei in ihrer Not.“ Er würde sie wieder nach Afghanistan begleiten. Zweimal war er dort. Beim ersten Mal, 2007, sei es viel ruhiger gewesen. Kurz nach dem Tod Bruns‘ war er vor Ort, als ein Soldat getötet wurde. Er bete mit den Soldaten für das Gegenteil, aber: „Wenn die Situation so bleibt, müssen wir wieder damit rechnen. Die leben jetzt im Krieg da unten.“

Dieser Text entstand im Rahmen des Zeitungsprojekts „Wir sind im Krieg“ der Lehrredaktion 49A an der Deutschen Journalistenschule im Sommer 2011 und spiegelt daher auch die damalige Informationslage wider.

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